Alle Macht den alltäglichen Dingen

Neue Musik, neues Ensemble, neues Praktikum… Als Newcomerin im Team war ich natürlich besonders gespannt auf mein erstes recherche-Konzert. Hier meine Eindrücke:

Federn, Sturm, Plastikflaschen, Blumenlieder, die Schwerkraft und eine Perlenkette – all diese Dinge, die auf den ersten Blick gewöhnlich und bedeutungslos wirken, rückte das ensemble recherche in seinem fünften Freiburger Konzert in den Mittelpunkt. Stets verbunden mit der Aufforderung: „Man beachte die Gegenstände des Alltags.“

Und tatsächlich lässt allein die Musik im Innern Bilder konkreter Objekte entstehen. Schon im Vorkonzert stellte Juan Camilo Vásquez Flageolett- und Grundtonmelodien so geschickt gegenüber, dass sie in Melise Mellingers Spiel wie durch Verschleierte Spiegel – so der Titel des 2014 vollendeten Stücks – einander zu reflektieren schienen. Mit Gerald Reschs Fünf Versuche über Italo Calvino (2006) brachten Melise Mellinger, Åsa Åkerberg und Jean-Pierre Collot die Begriffe Schnelligkeit, Genauigkeit, Leichtigkeit sowie auch Anschaulichkeit und Vielschichtigkeit so ‚gegenständlich‘ vor Augen, dass es der gleichnamigen Satzüberschriften fast nicht bedurft hätte.

Das alltägliche Phänomen des Schalls wurde geradezu körperlich erfahrbar, als Christian Dierstein auf hallenden Gongs Claude Viviers Cinq chansons pour percussion zum Klingen brachte. Dass auch profane Übungen konzerttauglich sein können, bewiesen die 10 Studies for Piano (1952) von Hans Abrahamsen, präzise dargebracht durch Jean-Pierre Collot; Martin Fahlenbock, Jaime Gonzales und Shizuyo Oka ließen mit Abrahamsens Flowersongs flirrende ‚Blumenlieder‘ erblühen.

In Reschs Versuch über die Schwerkraft, einem Experiment aller Ensemblemitglieder, waren es schließlich die Gegenstände selbst, die sich der Erdanziehungskraft zu beugen hatten: Flaschen, Federn, Tücher, Münzen und mehr schlugen exakt getaktet auf dem Bühnenboden auf und wandelten sich so in Musikinstrumente.