Barcelona 23. und 24. April

Fabra i Coats, eine ehemalige Fadenfabrik gelegen im Sant Andreu Viertel von Barcelona. Ein gigantisches Ensemble von vierstöckigen Gebäuden, gebaut zwischen 1910 und 1920. Heute lässt sich noch spüren die kreative Vergangenheit des Ortes, wenn auch anders: die "Fábrica di Creaciò", sehr aktiv in diversen Richtungen der Kunst, ist hier nun zu Hause und beherbergt das Festival Mixtur. Das ensemble recherche wurde eingeladen für ein Konzert am 23. April und  einen Workshop mit jungen Komponisten - sogenannte "reading sessions"-  am Tag danach. 

Das Konzert findet in einem großen Raum im Erdgeschoss statt. Direkt am Eingang ein Automat ungewöhnlicher Art. Stecken Sie 5 Euro hinein, bekommen Sie ein Kunstwerk. Ob Grafik, Video- oder Musikfile (beide auf USB Sticks), kleine Skulptur oder Objekt unklassifizierbarer Kunstgattung, Sie müssen lediglich die richtige Schublade herausziehen und bekommen, statt der erwarteten Süßigkeiten, Bonbons für den Geist. Der Konzertraum spiegelt auch die experimentelle Stimmung des Ortes wider. Bühne und Eingangshalle werden nur von einem dünnen Vorhang getrennt. Und bei leiseren Klängen auf der Bühne stört die Lüftung des Lichtpultes immer noch. Dank sympathischer und enthusiastischer Bereitschaft der Leitung des Festivals lässt sich letztendlich alles doch noch verbessern.

Auf dem Programm zwei neue Stücke im Repertoire des Ensembles:  "Une Berçeuse et des poussières" des Franzosen Aurélien Dumont, dem eine ätherische elektronische Partie am Ende eine leichte Atmosphäre der bis dahin eher konkreten, spielerischen -"pessonistischen"- Musik verleiht, und "Verzeitlichung" des Schweden Henrik Denerin, komplex und virtuos. Zwei Klassiker von Webern, die Variationen op. 27 und die Stücke für Geige und Klavier op.7, fungieren als Leitfaden - in diesem Ort gar ohne Wortspiel- und führen weiter in den österreichischen Raum zum Streichtrio von Haubenstock-Ramati. Nach der Pause Allegro Sostenuto von Lachenmann. Nach langer Kraftprobe und vielen Mails zwischen Freiburg, München und Barcelona haben wir einen anständigen, wenn auch nicht total befriedigenden Flügel bekommen. In dem Stück von Lachenmann gibt es tatsächlich neben Cellistin, Klarinettistin und Pianist noch einen ungenannten und diskreten Mitspieler, der nur durch fantomatische Nachklänge, durch magisch gestaltete Resonanzen zu spüren ist. Wie eine subtile elektronische Partie, eine Art Kontrapunkt  den anderen Partien verleihend. Meistens ein Hauch, aber von extremer Wichtigkeit, der sich nur mit einem hochqualitativen Instrument entfalten lässt. Letztendlich bekommen wir einen Yamaha Flügel. Wenn die Saiten die ungefähr benötigte Länge erreichen, müssen wir, was Schönheit des Klanges  und Reichtum an Obertönen angeht, deutliche Kompromisse machen, besonders in diesem Stück und in Webern. Aber dafür und zum Glück  darf Allegro Sostenuto noch gerade im Programm bleiben.

Am nächsten Tag ziehen wir nach oben, in den ersten Stock. Da sieht alles so aus, als wären wir in der letzten Inszenierung von Christof Marthaler gelandet: graue administrative Möbel aus den fünfziger Jahren, riesengroße Industrievitrinen mit  Fäden aller Farben, Stempel und Reliquien aus der Vergangenheit des Ortes.

Hier befinden sich schallisolierte Studios und Räume, wo wir mehr oder weniger fertige Stücke von jungen Komponisten spielen, kommentieren, noch mal spielen. Das ist ein wesentlicher Teil unserer Tätigkeit und spielt neben den Konzerten eine nicht weniger wichtige Rolle. Es kann auch zu lebhafte Diskussionen führen und betrifft unter anderem die Praktikabilität der Spezialeffekte, die Effizienz der Notation. Jeder Komponist reagiert anders. Die Persönlichkeiten sowie die Bereitschaft, unsere Anmerkungen wahrzunehmen, zu realisieren, einfach: zu akzeptieren, sind sehr unterschiedlich. Aber trotz -dank?- aller dieser Auseinandersetzungen: eine Brücke zur nächsten Komponistengeneration wurde wieder mal geschlagen.