Chicago - Northwestern University 1. - 9.11.2013

Das typisch Amerikanische lebt vielleicht in der unbelastenden Größe oder Großzügigkeit. Die Northwestern University, an der wir eine Woche lang Unterricht und Konzerte gegeben haben, erstreckt sich kilometerweit am Ufer des Lake Michigan, einem Süßwassermeer vom Ausmaß der Adria. Die Universität wurde deshalb hier heraus ins Grüne gebaut, weil Chicago Mitte des 19.Jahrhunderts durch Industrie und Schlachthöfe so dreckig war, daß man dachte, in der Sauerei und dem Elend können junge Leute nicht gesund bleiben und fröhlich lernen. Davon profitieren wir also jetzt noch. Ein hübsches Häuschen reiht sich ans andere, so eine Art Fachwerk-Neo-Gotik, und am Wasser entsteht auf dem Uni-Gelände ein neuer Musikpavillon, der so ähnlich wird wie die neue Unibibliothek in Freiburg. Hans Thomalla, ein deutscher Komponist, dessen Werke wir in Konzerten spielen und auf CD aufgenommen haben, unterrichtet hier seit sieben Jahren. Er hatte uns mit Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung und des Goethe-Instituts eingeladen.

Eine der größten Überraschungen lag im Verhältnis der Studenten zu ihrer Uni. Während wir in Europa Unabhängigkeit, politische Opposition/Rebellion und auch eine gewisse Anspruchshaltung bei Studenten normal finden, sind die amerikanische Studenten viel direkter darauf eingestellt, das Maximum aus ihrem Studium herauszuholen, also vergleichsweise fleißig, brav und effizient zu arbeiten, denn ihr Studium kostet sie (oder einen Mäzen) 60 000 Dollar pro Jahr! Das bekamen wir sowohl von den sieben Kompositionsstudenten, deren Werke wir am Ende uraufführten, wie auch von den Spielern des hochschuleigenen Neue-Musik-Ensembles zu spüren: Disziplin (das Ensemble probt 3 mal in der Woche um 8h morgens!), Aufmerksamkeit und maximale Lernbereitschaft, gleichzeitig aber auch eine gewisse Scheu, selbständig die Initiative zu ergreifen, vor Angst, eine Sackgasse einzuschlagen oder etwas falsch zu machen.

Die Natur am See ist gigantisch. Die Sonne wärmt und leuchtet und spiegelt sich in tausend herbstlichen Laubfarben. Wenn man am Seeufer entlang spaziert, wird man von selbstorganisierten Wettläufen der Studenten, von wilden Gänsen, Eichhörnchen und kreativen Graffiti-Botschaften auf den Wellenbrechern begleitet, und die Rasenanlagen sind so gepflegt und abfallfrei, daß selbst Weimar vor Neid erblassen würde. Rechts am Seeufer ein Stück nach Süden sieht man die Skyline von Chicago.

Nach zwei äußerst positiv aufgenommenen Konzerten, vier Tagen Workshop und mehreren Unterrichtseinheiten in Kammermusik, im Komponistenkolloquium und in einer Vorlesung zum Thema Obertöne war der Vormittag des Abreisetages die erste Gelegenheit, mit eigenen Augen das sagenumwobene Downtown Chicago zu besichtigen.

Mir, die noch nie in einer amerikanischen Großstadt war, hat es die Sprache verschlagen: ein von Menschen gemachter Häuserwald unermeßlicher Höhe, vom Jugendstil bis zu Mies van der Rohe sind alle Stilrichtungen vertreten, und im Gegenlicht der von Süden durch die Michigan Avenue scheinende Sonne wurde mir deutlich, wie großartig und weitreichend menschliche Fähigkeiten sind, und gleichzeitig wie klein, einsam und hungrig ein Mensch sich fühlen würde, der für immer in diesen Häuserschluchten bleiben müßte.

Der Rückflug Chicago-Zürich dauerte aufgrund des Rückenwinds zwei Stunden kürzer als der Hinflug, so dass die Heimreise trotz Schlafmangels und Zeitumstellung (man kriegt sieben Stunden von der Nacht weggenommen) überschaubar war. Beim Heimkommen hatte ich das Gefühl, in kurzer Zeit eine riesige Reise erlebt zu haben.