Im bulgarischen Ruse, März 2013

Nach langer Anreise mit dem Flieger über Bukarest , dann weiter mit dem Bus über die Grenze zur grenznahen, an der Donau gelegenen Stadt Ruse in Bulgarien. Auf der Suche nach einem Restaurant: die Stadt ruhig, fast niemand auf der Straße, kaum Restaurants oder Cafés, die Möwen ziehen ihre Kreise und sind tonangebend mit ihrem Lachen. Dann fanden wir doch auf dem Hauptplatz ein ?internationales? Restaurant sogar mit Sushi (ganz akzeptabel). Nach der Abendprobe bestätigt sich der vorherige Eindruck: die Stadt trotz ihrer 160.000 Einwohner wirkt wie verlassen. Viele unbewohnte Häuser, aufgegebene Geschäfte und zahlreiche Bauruinen.
Zur Konzertmatinee am nächsten Morgen kommen erstaunliche viele Menschen: geschätzter Frauenanteil 95 % / geschätzter Altersdurchschnitt 75 Jahre / Applaus nach Ferneyhough gemessene 70 Sekunden / nach den Wagner-Stücken für Klaviersolo des Kollegen Jean Pierre Collot begeisterter Applaus von sicher 3 Minuten.
Nach dem Konzert und einem Essen mit dem inzwischen in Sofia lebenden Komponisten Dragomir Yossifov (dessen Werk die Kollegen dort uraufführten) ein gemeinsamer Spaziergang durch die Stadt. Vorbei an dem Geschäftshaus der Familie Canetti ( der Sohn Elias wurde 1905 in Ruse geboren) hin zum ehemaligen Bahnhofsgebäude im Bauhausstil aus den 1930er Jahren geplant von Dimitar Nenov, einem Architekten und Komponisten. Auch diese Bahnstrecke, die erste in Bulgarien, erbaut 1866 zwischen Varna und Ruse, ist inzwischen stillgelegt. Der Bahnhof liegt direkt am ehemals so wichtigen Hafen an der Donau. Von Konstantinopel oder Wien kommend ein beliebter Ort für Geschäftsleute, Schiffer und Reisende. Auch für Gastspiele ausländischer Orchester und viel Prominenz: Franz Liszt, Christian Andersen, Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Eugénie. Das Viertel am Hafen ist ein wunderbarer architektonischer Stilmix aus Jugendstil, Bauhaus und Stalin Architektur hin zu den wenigen neuen Funktionsbauten der Gegenwart.

Yossifov sagte, die Jugend zieht nach Sofia, die Bewerbung der Stadt Ruse zur Kulturhauptstadt 2019 ist ein rühmlicher, aber vermutlich hoffnungsloser Versuch junge Bewohner zu halten.