Neue Musik an der Seidenstraße / Tashkent 2012

Vom 7. bis 17. Mai war ich Gastdozentin beim Omnibus-Ensemble in Taschkent, Usbekistan. Eingeladen wurde ich von Artyom Kim, dem Dirigenten und künstlerischen Leiter des Ensembles.

Ganz unbekannt war mir das Omnibus nicht, da ich es bei den vorletzten Darmstädter Ferienkursen schon teilweise unterrichten durfte. Damals schon ist mir aufgefallen, wie fleißig die Spieler an ihrem Konzertprogramm arbeiteten, und das war in ihrem Heimatort Taschkent zu meiner Freude genauso. Das Projekt Omnibus Laboratorium wird von der Art Mentor Foundation Lucerne gesponsert und ermöglicht dem Ensemble, regelmäßig Dozenten aus aller Welt zu sich einzuladen und mit ihnen zu arbeiten. Außerdem hat das Ensemble beispielsweise auch schon in Korea konzertiert und sich im mittelasiatischen Raum, jedoch vorwiegend in Taschkent, einen Namen gemacht. Leider wird die Neue Musik dort wenig bis gar nicht gefördert, sodaß man großen Respekt haben muß vor der Initiative, dem Mut, und zuweilen dem Improvisationstalent, die A. Kim alle drei in höchstem Maße besitzt und einsetzt, um der Neuen Musik ein Forum zu schaffen.

Sein Credo ist sowohl der kontinuierliche Kontakt zur europäischen wie zur amerikanischen Musikszene ? nach mir kamen zwei Spieler der amerikanischen Gruppe ?Bang-on-a-can? als Dozenten nach Taschkent. Das Omnibus Ensemble ist dieses Jahr schon zum zweiten Mal zu Gast in Schwaz beim Festival ?Klangspuren? und profitiert dort ebenfalls von der guten Unterrichtstätigkeit österreichischer Kollegen vom Ensemble Klangforum. Und nicht zuletzt ist Artyom Kim ein Komponist, der auch in Europa aufgeführt wird. Das Konservatorium, in dem geprobt wird, ist sehr laut und voll von Musikern, für die es nicht genügend Überäume gibt, sodaß viele von ihnen auf den Fluren spielen müssen. Dieser Lärm dringt dann in die Räume, sodaß wir einmal die absurde Situation hatten, dass neben uns auf der einen Seite ein Orchester Filmmusik von Morricone und Rota probte, während auf der anderen Seite ein Doira-Ensemble (Doira: usbekische Rahmentrommeln) für ein Konzert übte. Und wir versuchten mittendrin, ein gerade noch hörbares Stück von Gerard Pesson zu erarbeiten. 

Außer meiner Unterrichtstätigkeit hielt ich noch zwei Seminare für Instrumentalisten und Kompositionsstudenten und freute mich über die offenen Ohren und den Wissensdurst der jungen Menschen. Das mit den Ohren war allerdings nicht ganz unmittelbar, weil nur sehr wenige englisch sprachen und mein Russisch leider inexistent ist. Artyom erwies sich aber erfreulicherweise als erfahrener Übersetzer, was eine große Hilfe für mich war.

Zu guter Letzt hatten wir ein schönes Programm zusammen, das dann im Konzert auch sehr gut lief. Zu Gehör kamen Stücke von Pesson, Rihm, Feldman und Pagh-Paan, ergänzt durch einige Solostücke meinerseits.

Wie es sonst war in Taschkent? Ich war mit meinem Mann gereist, der ungemein viele ansprechende Fotomotive fand. Wir waren beide sehr angetan von der entspannten Herzlichkeit der Menschen, ihrer Schönheit (vor allem der Frauen und ihrer farbprächtigen Kleider), der wilden Mischung von Nationalitäten. Man trifft dort etwa tatarische, ukrainische, russische, kasachische, persische, jüdische, mongolische, georgische, koreanische usw Bürger an. 
Wir haben gut und üppig gegessen und viel grünen Tee getrunken. Wir haben wunderschöne Märkte gesehn, voller orientalischer Gewürze und Spezereien, aber vor allem ist mein lange gehegter Wunschtraum in Erfüllung gegangen: eine Reise nach Samarkand! Ich fühlte mich dort wie in einem Märchen und erlag vollends dem Zauber der herrlichen Stadt mit ihren Moscheen, Minaretten und Mausoleen und ihren blau - und türkisfarbenen Kuppeln, wie auch der Freundlichkeit der Einheimischen, die dort einen normalen muslimischen Alltag leben. Et in Arcadia ego!

Foto: Alexander Raevsky