Shenzhen und Shanghai

Eigentlich sollte man bei dieser Witterung Wintersport betreiben. Im Bregenzerwald schon Anfang Dezember 1 m Powder und ich sitze in Frankfurt Flughafen im Flieger nach China – der nicht abfliegt, weil eben zu viel Powder, Kälte, Eis – und der Enteiser kommt nicht.
Die Durchsage des Kapitäns nach dreieinhalb Stunden Wartezeit auf dem Rollfeld: Wenn der Enteiser nicht in der nächsten halben Stunde eintrifft, wird der Flug nicht mehr starten, weil dann die maximalen Arbeitszeiten für das Bordpersonal überschritten werden. Also doch noch Powder im Bregenzerwald? Nach 4 Stunden Standzeit im Flugzeug geht es doch noch los, nach Peking. Von dort wollen wir weiterfliegen nach Shenzen, aber den geplanten Anschlussflug können wir wohl vergessen.
Beim Passieren der Sicherheitskontrolle in Frankfurt Flughafen schwante uns schon Ungemach. Åsa Åkerbergs Handgepäck erregte Aufsehen – Dose mit Essen in Dose ohne Essen in Tasche mit Dosen in Tasche ohne Dosen und in dieser letzten Einheit diverse andere Gegenstände. Das altbewährte Mehrere-Schichten-Prinzip bei der Kleiderwahl im Wintersport übertragen auf die Handtasche. Das scheint selbst in Frankfurt Flughafen nicht alltäglich zu sein – Sonderkontrolle!

Tatsächlich dauerte unsere Reise nach Shenzen dann 32 Stunden. Durch den ungewollt verlängerten Aufenthalt auf dem Flughafengelände in Peking kamen wir zu unserem ersten vieler sich später noch anschließenden gemeinsamen Essen mit chinesischen Genüssen am runden Tisch, wobei die Speisen auf einer über der eigentlichen Tischplatte montierten sich drehenden Platte mal im, mal gegen den Uhrzeigersinn (hier gibt es wohl keine feste Regelung zur Drehrichtung) vorbeirauschen. Hier ist Feingefühl gefragt – kann ich schon weiterdrehen, oder torpediere ich so den Zugriff des beispielsweise gegenüber Sitzenden auf sich dort befindliche Garnelen? Das schweißt zusammen.

Dann der Transfer vom Flughafen Shenzen in die Stadt. Ich sitze vorne im Bus neben Aiken, unserem Betreuer, Übersetzer auf dieser Reise. Da Shenzen in unmittelbarer Nähe zum Ozean liegt und der erste Tag in China frei ist, stelle ich einfach mal die Frage, wie weit es denn vom Stadtzentrum ans Meer ist. Die prompte Reaktion von Aiken: “Das Meer ist viel zu gefährlich, die Wellen jetzt im Winter viel zu groß.“ Das sind mal gute Neuigkeiten. Mit großen Wellen hatte ich hier gar nicht gerechnet. Also gleich den Surfforecast checken, und tatsächlich, hier wird gesurft.
Am nächsten Tag machen Christian Dierstein und ich einen Ausflug aufs Land und ans Meer. Der rote Faden während dieser Unternehmung bleibt die Devise „no swim“. Unser Fahrer ist im ständigem Kontakt mit der Basis (Hotel). Bloß nicht ins Wasser gehen. Aber warum? Am späten Nachmittag dann in Xidong Bay feinster Sandstrand, Surfbrettverleih am Strand, schöne, wenn auch zum Surfen etwas zu kleine Wellen (liegt auch mit am Wasserstand – Höchststand). Und endlich doch noch „swim“ bei angenehmen 21° Wassertemperatur, null Strömung und wunderbar runden Wellen.

Am Folgetag steht unser Konzert in der Shenzen Concert Hall auf dem Programm, ein Riesensaal, 1500 Plätze, Garderoben mit Betten ausgestattet, ein toller Steinway-D auf der Bühne. Hier hat Lang-Lang auch schon in die Tasten gegriffen, wie das Autogramm auf dem gusseisernen Rahmen schlussfolgern lässt. Allerdings – im Saal herrschen Temperaturen wie im Bregenzerwald auf der Skipiste, und leider habe ich hier keine Skibekleidung an.

Das Konzert ist gut besucht, wir spielen Kröll, Sciarrino und 2 Uraufführungen chinesischer Komponisten, Ye Shen und He Tang, zusammen mit der zauberhaften Sopranistin Lini Gong. Ergänzt wird das Programm im Schubertjahr mit Liedern, Seligkeit, An die Nachtigall, Delphine und die Suleikas 1 und 2.

Ein gelungener Konzertabend, aber noch in der Nacht, die sehr kurz ausfällt, da wir um 4.30 Uhr schon Richtung Shanghai aufbrechen müssen, beginnt meine Nase zu laufen, Shenzen Concert Hall Fever. Kann man nichts machen, Augen zu und durch, kaum Nachtruhe, dann ein paar Stunden Schlaf im Hotel in Shanghai um die Mittagszeit, Generalprobe am Nachmittag im Shanghai Oriental Art Center (noch größer, 2000 Plätze), Konzert – geht doch.

Beim abschließenden gemeinsamen Abendessen mit unseren chinesischen Freunden nach dem Konzert kommen zu unserer Überraschung die bestellten Biere im Oktoberfestformat daher, sprich Maß. Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, meine erste Maß Bier in China zu konsumieren.

Ein abschließender Spaziergang auf dem Bund in Shanghai mitten in der Nacht, die Skyline von Pudong gegenüber, dann geht es schon wieder zurück nach Freiburg. Es bleibt vor allem die Erinnerung an 2 unvergessliche Konzerte in doch besonderen Sälen, und an die hervorragende, immer freundliche Betreuung und Unterstützung durch unsere chinesischen Freunde Aiken, Sophie Lu und natürlich Lini Gong.