St. Petersburg im Dezember 2012

In einer fulminanten Szene des Films « Carnegie Hall », 1944 von Edgar Ulmer gedreht, erscheinen 3 Putzfrauen als beinahe mythische Figuren, als echte fadenziehenden Nornen des Konzertsaals. Sankt-Petersburg, 16 Dezember 2012, das Ensemble Recherche hat General Probe in dem nicht weniger schönen Kleinen Saal der Philharmonie: plötzlich tauchen diese Kinobilder wieder auf wenn 3 russischen Frauen, bewaffnet mit Staubwedeln, Reihe nach Reihe putzen, gegen alle Protesten weitermachen, einen zarten Kontrapunkt erzeugend zum von Martin Fahlenbock gerade geprobten « Cassandra?s Dream Song ". Eigentlich stand das Stück nicht auf dem Programm : wegen plötzlicher Erkrankung des Schlagzeugers entfiel das « Triple Duo » von Elliott Carter, kurzfristig ersetzt von Repertoirestammstücken: vom Henry Cowells Streichtrio und vom genannten Ferneyhoughs Stück für Flöte solo. Der Rest des Programms blieb unverändert : Lachenmanns Streichtrio, Schittkes Klaviertrio, die erste Kammersymphonie von Schönberg in der Bearbeitung von Webern und eine russische Uraufführung. "Three to one", das Stück des Studenten des St-Petersburger Konservatorium Juri Akbalkan, erwies sich als schönes, zartes Stück Minimalmusik, von der Art eines Sciarrinos nicht meilenweit entfernt. Der kleine Saal der Philharmonie, direkt an der Newskii Prospekt gelegen, besitzt eine herrliche Akustik, hier kommt alles klar durch ? die zartesten Töne sowie also das Wischen-Sostenuto  der Staubwedeln?Ein Blick auf die herankommenden Zuhörern am Abend bestätigt es : das Publikum in Russland, kultiviert, anspruchsvoll, mit scharfen Ohren bereit, die kompositorische wie interpretative Qualität zu beurteilen, ist eines der besten in der Welt. Nach den in den vorgangegen Jahren in Moskau, Kiew oder Tiflis gesammelten Erfahrungen ist es wohl auch keine Überraschung. Der Saal ist voll. Lachenmann, Ferneyhough und Cowell erhalten am meisten Beifall, die « avanciertesten » Komponisten des Abends also. Umso überraschend wird uns am Anfang der Pressekonferenz am nächsten Tag von Journalisten gefragt, ob wir wissen, in welchem Saal wir gespielt haben, was für prominente Musiker hier gespielt haben, ob wir bewusst sind, dass die Kammersymphonie von Schönberg heute noch für das Publikum schwer zu verdauen bleibt . Hier spielten Clara Schumann, Franz Liszt und viele anderen Prominente ? so lautet die gewünschte Antwort. Mir fielen sofort  andere wenn auch spätere Beispiele auf, und zwar die Konzerte in der blockierten Leningrad, als Musikern mit eiskalten Händen vor verhungerten Leuten musizierten, oder die Konzerte der Pianistin Maria Yudina in den fünf- und sechziger Jahren. Berühmt für ihre Bach- und Beethoven Interpretationen hatte die hervorragende ?und heutzutage weltweit als Kultfigur angeschaute - ehemalige Studentin am Petrograder Konservatorium hier später auch serielle Musik gespielt ? neben Bartok, Jolivet, Messiaen. Eine damals lebensgefährliche Tat. Später setzten sich eine Isakadze, ein Ljubimov mit diesem Repertoire auseinander. Schönberg als gewagtes, schwer verdauliches Stück auf dem Programm?? Intermezzo: kalt ist es auf den Strassen von St Petersburg : -17°, auch die Petersburger meckern. Eine grosse Kunst ist es, gleichzeitig ein Blick auf dem Boden, mit manchmal 10 cm perfekt glattem Eis, und auf die Dachrinnen zu haben. Da drohen 10kg schwere Eisstücke auf unserem Kopf zu fallen. Die Kälte und dieses permanente Schwert von Damokles verhindern leider jeden Versuch, auf den Spuren von Raskolnikow zu gehen, obwohl der Reiseführer versichert, dass die wichtigsten Handlungsplätze des Romans immer noch zu sehen sind. Sowieso haben wir für touristischen Aktivitäten nur ein paar Stunden frei? Am nächsten und letzten Tag steht unsere Masterclass auf dem Programm. Drei verschiedene jungen Ensembles aus St-Petersburg sollen wir coachen, 2 Musiker des Ensemble Recherche unterrichten jeweils zusammen. Die Besetzungen sind sehr unterschiedlich, die meisten Musiker sind noch Studenten - genauso wie unsere ausgezeichneten Dolmetscherinnen- , andere haben schon eine Stelle im Orchester. Das individuelle instrumentale Niveau ist hoch, wie erwartet. Über Klangbild, Balance, breite Ohren, Zusammenspiel gibt es aber viel zu sagen - dafür sind wir da. Zwei Ensembles werden dirigiert. Das bietet auch viel Stoff für Diskussionen und Auseinersetzungen: wie frontal darf ein Dirigent vor so einem klein besetzten Ensemble wirken, wie sparsam seine Bewegungen sein können wenn sie nur von der Musik diktiert werden. Nicht nur die Interpretation, sondern die Werke selbst und deren "handwerkliche" Realisation werden selbstverständlich auch kommentiert. Die Komponisten sind alle da, die Meisten aus St-Petersburg, einer sogar aus Moskau speziell angereist. In ein paar Fälle wirkt der Komponist selber in dem Ensemble als Instrumentalist: hier als Pianist, dort als Geiger. Oft vermissen die instrumentalen Partien an Feinheiten wie Dynamik, Agogik, Akzentuierung: genau was ein Stück für einen Musiker interessant, reizbar macht. Oder einfach: betretbar, wie ein Weg der zur Exploration, zu Entdeckungen einlädt. Spürt man es beim Lesen dieses Berichts? Am Ende haben wir, Mitglieder von Recherche, genau so viel erfahren wie die "Gecoachten".