Venedig und Graz im Oktober 2015

Reisebericht Venedig und Graz Oktober 2015

40 Minuten vor der Abfahrt:

"Tickets dabei"? Beate fragt. Immer.

"Klar!"

"Pass?"

"Nein, aber Personalausweis. Schau her."

Abgelaufen. Auf das (geliehene) Rad, nach Hause, Pass holen, zurück ins Ensemblehaus. Mit dem Koffer zur Tram und 10 Minuten vor Abfahrt mit dem bestellten Taxi zum Flughafen am Treffpunkt angekommen. Fast ruhig.

Wir warten auf die beiden Fahrzeuge. Ich will den Kollegen die Zeit verkürzen und erzähle von meinem Missgeschick, auch davon, wie anstandslos ich mit diesem Ausweis einmal quer durch die USA gereist bin. Jaime - Spezialist in solchen Dingen, wir sind viele im Ensemble, die keinen deutschen Pass haben - hält dies für unmöglich. Ich trete flott den Beweis an. Und verspreche Bruchteile von Sekunden später, das nächste Mal für Kleingedrucktes doch eine Brille zu verwenden. Die Wörter Ausstelldatum und Ablaufdatum sind aber auch verdammt klein geschrieben!

Für den guten Abgang lege ich an der Passkontrolle am Flughafen beide Ausweise vor.

Ankunft in Venedig bei 20 Grad, die letzten Regentropfen beeilen sich zu verdunsten. Im Wassertaxi verziehen sich aus unseren Kleidern durch den besonders schnittigen Fahrstiel die letzten Zigarettenschwaden aus dem Freiburger arg nach Rauch stinkendem Taxi. Das flaue Gefühl im Magen wird ignoriert, nein, dem Hunger zugeschrieben. Bis zur Ankunft am Lido haben wir in unseren Gedanken mehrere ideelle Speisekarten rauf und runter bestellt. Gepäck ins schnuckelige Hotel, die müden Knochen werden gleich wieder in Bewegung gesetzt - und ich werde dafür mit einem umwerfenden Sonnenuntergang belohnt. Ehrlich, das Foto entstand am 7. Oktober in Venedig, Vaporetto-Station Lido.

Barbara lotste uns zum Abendessen telefonisch in ein wunderbar abgelegenes kleines Gasthaus, unweit vom Palazzo del Cinema, nach dem Ende der Filmfestspiele freilich ohne roten Teppich.

Nächster Morgen, 9 Uhr: Abfahrt "unseres" Wassertaxis zum Palazzo Giustinian. Sie sehen am Foto, die Minuten davor werden genutzt, letzte Notenblätter auf Vollständigkeit überprüft, wichtige SMS getippt. Wir kommen so pünktlich an, dass der Portier das Holztor an der kleinen Anlegestelle des Biennale-Hauses noch nicht einmal geöffnet hatte - und nehmen's sportlich: Instrumente unter dem Gitter durch, Menschen oben drüber. Gelächter allseits, der "gute Draht" war somit mühelos hergestellt. Philippe Hurel und Alexander Moosbrugger, von beiden standen Ensemblewerke zur Uraufführung im Programm, hatten sich nach den Proben in Freiburg auch auf den Weg gemacht und warteten gespannt auf das Ende des Bühnenaufbaus und den folgenden Probenbeginn. Ein jeder hatte sein Plätzchen gefunden, sich einzuspielen - manche sogar beschützt und "erleuchtet" wie Melise.

Im Konzert saßen weit mehr Menschen, als die Biennale erwartet hatte. Schick waren sie alle, aufmerksam, höflich, am Ende gar enthusiastisch, das Ensemble wurde immer wieder auf die Bühne geklatscht. Die Komponisten waren glücklich - und Helmut Lachenmann, der entgegen ersten Gerüchten nicht nach Venedig gekommen war, wäre es über die Aufführung seiner beiden Trios an diesem Abend bestimmt auch gewesen!

Die Musiker und ich genießen einmal mehr die Minuten am Boot und kommen dann nach einem langen Tag endlich zu einer späten Pizza - Essen und Musiker blau beleuchtet, was allem einen höchst ungesunden touch verlieh.

Das war's dann auch schon mit Venedig und dem immer wieder faszinierendem Taxi auf Wellen. Und den schönen Namen! Stazione di Venezia Santa Lucia klingt halt doch anders als Hauptbahnhof Freiburg. 10 Minuten Vorortbahn nach Mestre und dann, gestärkt mit einem letzten Crodino analcolico am Bartresen mit einem ÖBB-Doppeldeckerbus, die Österreichische Bundesbahn fährt hier tatsächlich Linien-Schienenersatzverkehr, nach Graz. Ich erlaube mir die Anmerkung: ab Klagenfurt a wenig mühsam. Unterwegs Texte für das Programmbuch des anstehenden Festivals in Luxembourg geschrieben, kurvenbedingt Tee in die Tastatur geschüttet (nicht ich) und erledigt, was immer als dringend gekennzeichnet elektronisch aufploppte.

Graz, 15 Grad weniger, gefühlt 25! Regen, Nebel, Taxi, Hotel, weit weg von der Stadt, nah am Veranstaltungsort, der List-Halle. Positiv: auf den Weg zur Probe konnte sich wirklich keine verlaufen. Alles wurde gut, nachdem man sich mit dem Wunsch, doch bitte eine Bühne aufzubauen, durchgesetzt hatte. Das berichte ich einfach so, denn ich hatte ein anderes Programm: zweistündige life-Sendung von der spektakulären Murinsel, einer nach einem Entwurf des New Yorker Architekten Vito Acconi mitten im Fluß treibenden Plattform. Ö 1, österreichweit  zu hören, mit drei Gästen: Johannes Maria Staud, Ernst Reitermeier  und mir. Verschärfte Bedingungen: kalt, hörbar prasselnder Regen, die ständig zischende Kaffeemaschine der Wirtschaft, ein nicht zu identifizierender Knall und vor allem fehlende Signale, ob wir denn nun auf Sendung sind oder im off. Respekt vorm Moderator Albert Hosp, der sprach, sodass es für mehrere denkbare Übertragungsvarianten und auch das anwesende Publikum passte. Nach drei privaten Stunden, komme ich doch aus dieser geographischen Ecke, noch flott den einen oder anderen O-Ton in Mikrophone gesprochen und viel Pfützen überspringend zu Fuß an den Stadtrand gelaufen.

Im Konzert waren auch hier mehr Menschen als gedacht! Wen Liu, Milica Djordjevic und Johannes Maria Staud waren die Uraufführungskomponisten, vom Altmeister (er möge dies verzeihen) Ferneyhough steuerten die Kollegen noch das für uns geschriebene Sextett hinzu. Zum Erfreuen am Gelungenen, gar für Feiern blieb keine Zeit, drängten doch alle zum nächsten Konzert. Nächtens im Hotel, am Morgen danach konnte ein wenig davon nachgeholt werden.

Sonntag. Die ersten sind früh aufgebrochen: Peter, unser Mann für die Bühne, machte sich im Auto mit Instrumenten auf den Weg, zehn, elf Stunden dauert das, sein Frühstück fiel groß aus. Melise, Åsa, Shizuyo, Jaime und Christian flogen wieder nach Zürich. Ich machte mich auf den mühsamen Umweg durch das Marathonlauf-gesperrte Graz in das ORF-Landesstudio für ein 30-Minuten Interview mit der Redakteurin, die den Sendungsmitschnitt unseres Konzerts Ende Oktober moderieren wird. Barbara und Martin kamen nach: die nächsten Stunden verliefen gleichermaßen ernsthaft wie humorvoll mit Reinhard Kager, der zum eben gefeierten 30er des ensemble recherche noch in vielen Worten und noch mehr Tönen Geschichte und Geschichten für seine Sondersendung einsammelte. Unterbrochen und kommentiert wurde das von der dazugekommenen Komponistin Milica Djordjevic und der Stimme von Johannes Maria Staud aus dem off. Taxistop auf dem Weg zum Flughafen zwecks Einverleibung von Wiener Schnitzel und Hirschbraten am Nachmittag. Flug über schneebedeckte Alpengipfel im Abendrot - auch nicht schlecht! Ein bisschen Rennerei zu den Zügen und damit glücklicherweise einen Zug erwischt, der eine Stunde früher in Freiburg ankam, als dies im Reiseplan vorgesehen war.

Keine Fotos aus Graz, drinnen: genauso schlechtes Bühnenlicht wie in Venedig, draußen: anders als dort dicker Nebel

Über die genauen Sendetermine im ORF halten wir Sie mit den news am Laufenden.

... und ja! Ich habe mir in Graz eine himmelblau-frühlingsgrasgrüne Lesebrille gekauft und gesehen, dass meine Papiere bis Sommer 2024 gültig sind.

Fotos: Sabine Franz