Wien im Oktober 2012

Hätte ich auch nur die leiseste Ahnung gehabt, welche Komplikationen ich herauf beschwöre, indem ich die letzten Sätze meines vorangegangenen Berichts über die Reise nach Paris auf dem Flug nach Wien in meinem Netbook versenkte, wären diese Sätze niemals gefallen. Aus diesem Grund übernehme ich auch die Berichterstattung der Reise nach Wien an Stelle von Melise. 

Bei Ankunft in Wien-Schwechat hat man zumeist gute Laune, da nur ein kurzer Weg, eine nicht mal halbstündige S-Bahnfahrt oder seit einigen Jahren noch schneller mit dem CAT (15 Minuten) bevorsteht. Kaum rollten die Koffer auf dem Gepäckband heran, wurden uns von einer jungen Dame schon dort Tickets für den CAT angeboten. Diese wurden nach Bezahlung mit Kreditkarte mittels eines mobilen Gerätes, ähnlich dem der Deutschen Bahn, welches diese in ihren Zügen benutzt, ausgespuckt. Und nun begann die Kette von weniger erfreulichen Ereignissen. Das Spucken nahm ein Ende, noch bevor die Anzahl der Tickets die der mitreisender Musiker erreicht hatte. Akku leer. Es fehlten noch 3 Tickets. Was nun? Der nächste CAT ging in 15 Minuten.

Die Verkäuferin schlug vor, zum CAT-Schalter zu gehen und dort die ausstehenden Fahrscheine auszudrucken, ein Unterfangen, was sich als auf die Schnelle bzw. innerhalb von 15 Minuten als nicht durchführbar erwies. Die Tickets waren eben auf der mobilen Einheit gebucht worden und mussten somit auch von dieser generiert werden und ein Ersatzakku war nicht aufzutreiben. Sogar Herr Ernst (Name von der Redaktion geändert), eine Art Vorgesetzter, war vom CAT-Schalter im Flughafen kontaktiert worden. Er konnte allerdings das Problem aus dem fernen Wien nicht lösen. Nach anfangs geduldigem Abwarten entschlossen wir uns dann in letzter Sekunde die Fahrt in die Stadt ohne die zwar bezahlten aber sich nicht in unseren Händen befindlichen Fahrkarten anzutreten. Telefonisch sollte der Schaffnerin im CAT-Zug mitgeteilt werden, dass ein Teil unserer Gruppe zwar ohne Fahrschein, aber doch ordnungsgemäss unterwegs war. Und tatsächlich genügte mir ein nicht einmal zu Ende gesprochener Satz wie "Ich gehöre zu der Gruppe, die"..... und die Fahrt ging ungestört weiter. Da wurden Erinnerungen wach an eine lange zurückliegende Rückreise aus Graz ? aber das ist eine andere Geschichte.

Angekommen in Wien Mitte kam aber die eigentliche Verzwicktheit der Lage zum Vorschein. Wir hatten in Schwechat Kombitickets erworben, das heißt CAT-Fahrt hin und zurück plus Wiener Stadtbahn für 3 Tage auf einem Ticket. Die eingeplante Weiterreise mit dem Hinweis "Ich gehöre zu der Gruppe,die..." mit der Wiener U-Bahn zum Hotel war so nicht möglich, da es sich bei den Wiener Verkehrsbetrieben um eine andere Transportgesellschaft handelt.

Ein weiterer Versuch wurde gestartet, vielleicht doch noch in den Besitz der Fahrscheine zu gelangen. Wir befinden uns jetzt an einem Cat-Schalter Wien-Mitte. Übrigens war Herr Ernst inzwischen höchstpersönlich vor Ort. Aber auch hier waren unsere Bemühungen nach immer heftiger werdenden Protesten, erfolglos Während dieser Diskussionen erlaubte man mir, an einem verwaisten check-in Schalter meinen inzwischen schwächelnden Netbookakku aufzuladen und die Zeit mit Computerarbeit zu nutzen. Ein nicht ganz alltäglicher Arbeitsplatz, mit einem Foto dokumentiert (s.Fotos).

Am Ende blieb uns nichts anderes übrig, als doch noch die fehlenden Tickets für die Stadtfahrten ein zweites Mal zu lösen. 

Christian hatte sich übrigens inzwischen schon auf den Weg gemacht, um noch eine Theatervorstellung zu besuchen. Groß war die Überraschung dann, ihn bei Ankunft im Hotel Ibis Nähe Westbahnhof an der Rezeption anzutreffen. "Du bist nicht im Theater"?

Der Grund: Peter (unser Fahrer-Stagemanager) hatte die Seitenteile der Marimba in Freiburg vergessen und es galt bis zur Generalprobe am nächsten Vormittag eben solche oder eine Ersatzmarimba zu organisieren. Das Mißgeschick passte ins Bild dieser Reise und wurde dementsprechend freudig aufgenommen, genau so wie sich im Verlauf des weiteren Aufenthaltes noch ergebende Unwägbarkeiten, z.B. das vertrocknete 0,69 cent Billa Tippex oder der im Koffer verschüttete Schlagzeugreis oder die Verspätung beim Rückflug.

Es gibt aber auch Gutes zu berichten. Das Wetter war herrlich, Sonnenschein, blauer Himmel. Ich selbst überlebte den Besuch beim Barbier an der Staatsoper, einem Perser. Überleben deshalb, weil dessen Schere meinen Kopf in stetiger Auf- und Zubewegung 10 Minuten lang wie die Rotoren eines Hubschraubers in atemberaubender Geschwindigkeit umkreiste ? fertig, und sah nach Zugabe von ein wenig Pommade tatsächlich wie eine Frisur aus.

So hergerichtet konnte nach allen Widrigkeiten einem fulminanten Auftritt im Konzerthaus ja wohl nichts mehr im Wege stehen und uns gelang im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses mit seiner tollen Akustik ein abwechslungsreicher, spannender Abend mit "Liebesliedern" nebst Uraufführung eines Werkes von Raffaele Grimaldi.

Bei Herlitschka gönnten wir uns dann nach dem Konzert noch ein Seidel oder Krügerl, ein Gulasch oder auch ein Wiener Kalbsschnitzel und durften am Ende eines langen Tages feststellen, das Dominik Schweiger vom Konzerthaus die Rechnung übernommen hatte ? herzlichen Dank für die Einladung. Was bleibt noch zu erzählen?

Mir erschienen während des gesamten Aufenthaltes Phantome, so mein Freund aus Jugendtagen Thomas Krautwig, der sicher nicht in Wien weilte zu dieser Zeit, oder Beat Furrer auf der Galerie des Mozartsaales während des Konzertes, der sich beim fünften Mal hinschauen jedoch als Doppelgänger des Meisters entpuppte, oder sogar Brad Pitt.

All diese Personen waren eigentlich nicht da, aber irgendwie vielleicht doch?
Und - auf der Rückfahrt mit dem Cat zum Flughafen begegneten wir noch einmal Herrn Ernst, was diesen bei genauer Beobachtung leicht zucken ließ. Aber keine Angst, ein weiteres Mal werden sich unsere Wege mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit nicht mehr kreuzen. Beim nächstes Mal nehmen wir einfach die S-Bahn.