How contemporary is music in the 21st century, if it continues to be so eurocentric? In a cooperation with the Goethe-Institut, the Ensemble Recherche invites ten composers and sound artists from developing countries and emerging economies to an artistic exchange. They will discuss (post-)colonialism and condense their knowledge into artistic results. At the end of the one year project period, there will be musical performances and hopefully some insight in our own patterns of evaluation. The South African composer Bongani Ndodana-Breen, fellow at Yale and Harvard Universities, accompanies the project as a curator and answered Friedemann Dupelius some questions.

Der Komponist Bongani Ndodana-Breen
Die Dramaturgin Elisa Erkelenz co-kuratiert das Projekt

Bongani, what was your first contact with European and North American classical music? Bongani Ndodana-Breen: Like any African composer, I was brought up in an environment where there’s a lot of African music through ceremonies and other gatherings in home. I think it’s through school and the church experience that most African composers encounter classical music. And, I had a great aunt who played the piano and so I had formal piano lessons as a boy. It’s in the nature of the colonialized society that you have these parallel cultures next to each other, and especially the colonized people have to negotiate between the culture and language of the colonizer and their own culture at home. The settlers don’t have to do this, they just carry on with their culture and institutions.
How is the scene for Contemporary Music in South Africa, and how diverse is it? It’s very small and confined mostly to the university campuses and few small groups. It’s very rare that we have symphony orchestras programming something that’s completely new. Most South African composers do most of theirwork abroad. I am the first and so far only black composer ever that the Cape Town Philharmonic has programmed in its subscription season. And I have gotten into trouble for pointing out that we need more diversity and inclusion. I think the institutions that are run by white people are scared of their audiences in a way. There is a lot that can be done to create a culture of appreciation of contemporary music in Africa.
What can Europeans learn from composers coming from other areas of the world? Take Africa as an example: In the traditional setting, music has a social context. It’s participatory and brings a community together. Secondly, there’s an element of movement in African music. Music in the West is very passive. I never understood how people can experience music without their body responding. Even in my compositions there is a sort of dance element, and I think that’s because my brain is wired in an African way. The third thing is, Europe has developed a highly abstracted music, which we don’t have in Africa. I think you can learn a lot in the West. The demographics are changing, the audiences are getting older and there’s a lot of competition for music, for example people spend their money on games and so on. Concepts like participation or incorporating movement, like in Africa, can be useful in other cultures. Europe has been so dominant in classical music and excluded all other voices, so I hope this project helps to reframe that scenario. According to which criteria will you select the workshop participants? I‘m going to pay particular attention to women composers, because they have generally been excluded. Gender diversity is a huge thing for me. Further, the academic background won’t matter. There are so many ways to perfect your craft – yes, higher education is one, but here in Africa we have an oral based culture of passing information from one generation to another, also in music. I think these indigenous knowledge systems offer a valid learning process and shouldn’t be ignored.

Bongani Ndodana-Breen: In meinem Umfeld gab es viel afrikanische Musik auf Feiern und bei häuslichen Zusammenkünften. Die meisten afrikanischen Komponist*innen lernen klassische Musik in der Schule und durch die Kirche kennen. Zudem spielte meine Großtante Klavier und auch ich erhielt Klavierunterricht als Kind. Es macht eine kolonialisierte Kultur aus, dass da diese zwei Kulturen nebeneinander existieren. Insbesondere die kolonisierten Menschen müssen ihren Weg zwischen der Kultur und Sprache der Kolonialmacht und ihrer eigenen Kultur finden. Die Siedler*innen müssen das nicht, sie betreiben ihre Kultur und ihre Institutionen einfach weiter.

Wie kann man sich die Szene für zeitgenössische Musik in Südafrika vorstellen? Wie divers ist sie?

Sie ist sehr klein und beschränkt sich hauptsächlich auf die Universitäten und ein paar kleine Gruppen. Es ist sehr selten, dass unsere Symphonieorchester neue Werke aufführen. Die meisten südafrikanischen Komponist*innen arbeiten hauptsächlich im Ausland. Ich bin der erste und bislang einzige schwarze Komponist, der in die Abokonzertreihe des Cape Town Philharmonic Orchestra aufgenommen wurde. Als ich darauf hinwies, dass wir mehr Vielfalt und Inklusion brauchen, habe ich Probleme bekommen. Ich denke, die von Weißen geleiteten Institutionen haben auf gewisse Art und Weise Angst vor ihrem Publikum. Es muss noch viel getan werden, um die Akzeptanz zeitgenössischer Musik in Afrika zu fördern.

Was können wir Europäer*innen von Komponist*innen aus anderen Regionen des Globus lernen?

Nehmen wir zum Beispiel Afrika: Dort hat Musik traditionell einen sozialen Kontext. Sie ist partizipativ und bringt eine Gemeinschaft zusammen. Zweitens gibt es in afrikanischer Musik das Element der Bewegung. Musik im Westen ist sehr passiv. Ich habe nie verstanden, wie Menschen Musik ohne körperliche Reaktionen erleben können. Selbst in meinen Stücken gibt es gewisse tänzerische Elemente. Ich glaube, das liegt daran, dass mein Gehirn afrikanisch gepolt ist. Und drittens hat Europa eine sehr abstrahierte Musik entwickelt, Afrika nicht. Ich denke, der Westen kann viel lernen.
Die Demographie verändert sich, das Publikum wird älter und Musik hat viel Konkurrenz bekommen, zum Beispiel geben Leute Geld für Dinge wie Games aus. Da können Konzepte wie die in Afrika, etwa Partizipation oder der Einbezug von Bewegung, sehr hilfreich sein. Europa war so dominant in der klassischen Musik und hat alle anderen Stimmen ausgeschlossen, sodass ich hoffe, dass dieses Projekt da ein paar Dinge gerade rücken kann.

Nach welchen Kriterien werden die Teilnehmer*innen für den Workshop ausgewählt?

Ich werde besonders auf weibliche Komponist*innen achten, sie wurden so oft ausgeschlossen. Geschlechterdiversität ist mir sehr wichtig. Der akademische Hintergrund der Teilnehmer*innen wird kein Kriterium sein. Es gibt so viele Möglichkeiten, seine Kunst zu verfeinern – ein Hochschulstudium kann natürlich eine davon sein, doch hier in Afrika haben wir eine mündliche Kultur, in der Informationen von der einen zur anderen Generation weiterge- geben werden, auch in der Musik. Ich glaube, dass diese indigenen Wissenssysteme einen ernstzunehmenden Lernprozess ermöglichen und nicht ignoriert werden sollten.